Nachts um zwei. Seit fast zwanzig Jahren. Monolog Teil 1

Ich lausche auf seinen Atem. Seinem regelmäßigen, tiefen einsaugen der Luft, das kurz davor ist in ein Schnarchen überzugehen. Seit 18 Jahren mache ich das schon. Gut, heute erst seit zwei Stunden, aber eigentlich mache ich seit fast zwanzig Jahren das selbe. Ein und das selbe. Ich denke an diesen Mann, der neben mir liegt, dessen Atem ich lausche und frage mich, ob ich ihn kenne, ob es überhaupt möglich ist, ihn zu verstehen. Daran, wie sehr er mir weh tut. Jeden einzelnen, verdammten Tag. Und wie sehr er mich glücklich macht. Nicht jeden Tag. Ich denke, dass er das Beste und das Schlimmste in meinem Leben ist. Ich fühle mich wie ein Teenager, unsicher in meinem Handeln, in meinen Entscheidungen. Aber nicht auf eine gute Art. Nicht auf die schwitzige Hände und Herzklopfen-Art. Mehr so auf die Was-wird-er-als-nächstes-tun-Art.
Meine Tochter merkt es auch. Sie ist ihm so ähnlich. So intelligent und hübsch. Und so konsequent. Sie weiß, was ich weiß. Dass es so nicht weiter gehen kann und sie weiß, dass ich weiß, dass sie es erträgt. Genau wie ich, wartet sie auf das Ende.
Ich lausche auf den Atem des Mannes neben mir, mit dem ich seit fast zwei Jahrzehnten verheiratet bin und frage mich, wie es weitergehen soll. Nachts um zwei. Seit fast zwanzig Jahren.

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Nachts um zwei. Seit fast zwanzig Jahren. Monolog Teil 1

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